• 0228 955 0220

Wann fängt Mobbing an? Vorurteile und Fakten zu Formen und Verbreitung von Mobbing

© Photographee.eu/Fotolia
Mobbing

Die Abgrenzung zwischen Mobbing und normalen Streitigkeiten zwischen Mitarbeitern kann manchmal schwierig sein. Wird jedoch ein Arbeitnehmer systematisch „fertiggemacht“, ist diese sozial unerwünschte Verhaltensweise in jedem Fall gegeben. Wann die Schikane beginnt und in welchen Formen sie wie verbreitet sein kann, erfahren Sie hier.

Das ist unter Mobbing zu verstehen

Der Begriff Mobbing leitet sich aus dem englischen „to mob“ ab. Er bedeutet, über jemanden herzufallen, sich auf ihn zu stürzen oder ihn anzupöbeln. In Deutschland wird unter dieser Verhaltensweise – sofern sie am Arbeitsplatz auftritt –  das systematische, zielgerichtete und längerfristige Anfeinden, Schikanieren und Diskriminieren von Arbeitnehmern untereinander oder durch Vorgesetzte verstanden. Kennzeichnend ist dabei ein Machtungleichgewicht zwischen Mobbenden und Gemobbten.

Auch das Bundesarbeitsgericht (BAG) hat sich zu diesem Thema geäußert. Danach sind bei solchen Sachverhalten die einzelnen Vorkommnisse anhand der bestehenden Gesetze zu bewerten. Anschließend sind die jeweiligen Handlungen einer Gesamtschau zu unterziehen. Die Teilakte können dann zusammengenommen eine rechtlich verbotene Verletzung der Persönlichkeit oder der Gesundheit des betroffenen Arbeitnehmers darstellen (BAG, Urteil vom 16.05.2007, Az.: 8 AZR 809/06).

Tatbestand der Belästigung

Kurz darauf haben die Erfurter Richter den Begriff weiter ergänzt. Maßgeblich sei der Tatbestand der Belästigung in § 3 Abs. 3 Antidiskriminierungsgesetz (AGG), der auch für das Mobbing gelte. Nach dieser Vorschrift läge eine Belästigung vor, wenn ein durch

  • Einschüchterungen
  • Anfeindungen
  • Erniedrigungen
  • Entwürdigungen
  • oder Beleidigungen gekennzeichnetes Umfeld geschaffen wird.

Dabei zeichne sich die Schikane durch eine systematische, aus mehreren Handlungen bestehende Vorgehensweise aus (BAG, Urteil vom 25.10.2007, Az.: 8 AZR 593/06).

Weiter differenziert werden kann in „Bossing“ und „Staffing“. Das in der Praxis weiter verbreitete Bossing bezeichnet die Schikane von oben nach unten, also von Führungskräften, Teamleitern und Vorgesetzten gegenüber den ihnen unterstellten Mitarbeitern. Hintergrund ist häufig, dass der unliebsame Arbeitnehmer zu einer Eigenkündigung bewegt werden soll, damit sein Kündigungsschutz und die damit möglicherweise verbundenen Abfindungsansprüche umgangen werden.

Demgegenüber ist mit dem seltener anzutreffenden Staffing das Vorgehen der Arbeitnehmer gegen einzelne Vorgesetzte oder sogar gegen die gesamte Führungsebene gemeint. Beabsichtigt wird damit, die Autorität des Vorgesetzten zu untergraben und sein Ansehen so zu schädigen, dass er „ausgetauscht“ wird.

Wann die Schikane anfängt

Alltägliche sowie vereinzelt auftretende Konflikte und Reibereien am Arbeitsplatz zwischen einem Mitarbeiter und seinen Arbeitskollegen oder seinem Vorgesetzten sind noch kein Mobbing. Maßgeblich sind vielmehr die einzelnen Verhaltensweisen beziehungsweise die Umstände des Einzelfalls. Diese müssen entweder in einer Gesamtschau zu einem im Sinne des § 3 Abs. 3 AGG negativem Umfeld führen oder in einer Gesamtschau zu einer Persönlichkeits- beziehungsweise Gesundheitsverletzung des Betroffenen führen.

Allgemeine Kriterien können dazu nicht an die Hand gegeben werden. Allerdings setzt diese sozial unerwünschte Verhaltensweise ein systematisches Vorgehen voraus. Gemeint sind damit fortgesetzte, aufeinander aufbauende oder ineinander übergreifende Verhaltensweisen. Diese brauchen weder nach einem bestimmten Plan zu erfolgen noch muss den einzelnen Verhaltensweisen für sich genommen eine rechtliche Bedeutung zukommen, also müssen sie nicht gegen ein Gesetz verstoßen.

Auslöser: Vorurteile und Freude an Machtkämpfen

Auslöser der Schikanen am Arbeitsplatz sind häufig Vorurteile. So wird etwa über Andersdenkende, Außenseiter, eher „hässliche“ Arbeitnehmer, Mitarbeiter mit Migrationshintergrund oder Zugezogene häufig hinter vorgehaltener Hand getuschelt. Hinzu kommt meist ein Schubladendenken, speziell auch in Bezug auf Frauen in typischen Männerberufen. Vom Getuschel bis zur Ausgrenzung und Schikane ist es dann kein weiter Weg.

Zusätzlicher Auslöser für Konflikte sind oft Mitarbeiter mit Freude an Machtkämpfen und einem Hang zur Selbstdarstellung. Diese haben häufig Spaß daran, andere zu diffamieren oder sind verärgert, weil sie beruflich nicht vorankommen. Handelt es sich bei diesen Mitarbeitern auch noch um Meinungsmacher in der Abteilung oder im Betrieb, sind Mobbing-Probleme nahezu vorprogrammiert.

Diese Formen der Schikane gibt es

Im Wesentlichen sind sieben Formen von Mobbing denkbar. Im Einzelnen handelt es sich um Angriffe gegen

  • den Bestand des Arbeitsverhältnisses, etwa durch unwahre Behauptungen und Unterstellungen über ein angebliches strafbares Verhalten oder grobes Fehlverhalten des Mitarbeiters. Willkürliche Abmahnungen, Umsetzungen oder Kündigungen bilden eine Atmosphäre der Einschüchterung.
  • die Arbeitsleistung, Leistungsbereitschaft und das Leistungsvermögen, beispielsweise durch manipulierte Arbeitsergebnisse oder gelöschte beziehungsweise verfälschte Daten. Das Vorenthalten, Unterdrücken und Fälschen von Informationen, etwa von Terminen, Besprechungen und arbeitsrelevanten Hinweisen, sollen das Mobbing-Opfer verunsichern. Die Anordnung der Erledigung nicht machbarer Aufgaben oder die Loslösung von allen Aufgabenpflichten sowie der mutwillige Entzug von Zuständigkeiten sind weitere Waffen im Mobbing-Krieg.
  • die soziale Integration sowie das soziale Ansehen im Beruf, etwa durch das Versetzen auf einen abgelegenen Arbeitsplatz, das „Schneiden“ des Mitarbeiters, Tuscheln und Tratschen hinter seinem Rücken, das Ignorieren von Fragen und Hilfeersuchen. Verleumdung und Rufmord in betrieblichen Bereichen, frei erfundene Behauptungen über Beschwerden von dritten Personen sowie Beleidigungen und Demütigungen sind ebenfalls beliebte Mittel des Mobbers. Hinzu kommt, dass man im Beisein Dritter versucht, das Mobbing-Opfer systematisch lächerlich zu machen.

Weitere Ausprägungen:

  • Das Selbstwertgefühl soll durch destruktive, demütigende und unsachliche Kritik, unnötiges Aufbauschen und Verschlimmern von einzelnen Fehlern des Betroffenen, Anschreien und ständige Kontrollen am Arbeitsplatz beziehungsweise der Arbeitsergebnisse zerstört werden. Die Abwertung der Person durch Beleidigungen, Schmähungen, Demütigungen oder Kränkungen sowie die Unterstellung von Dummheit oder Unfähigkeit bilden die psychologischen Kampfmittel der Mobbing-Täter.
  • Das Mobbing greift vielfach auch in die Privatsphäre ein. Hier lassen sich folgende Strategien der Mobber beobachten: willkürliche Aufforderungen zum Erscheinen am Arbeitsplatz trotz Urlaubs oder einer Arbeitsunfähigkeit, mehrfache Anrufe und Besuche zur Kontrolle der krankheitsbedingten Arbeitsunfähigkeit, mutwillige Rücknahme von bereits zugesagtem Urlaub, Zuweisung ungünstiger Urlaubstermine, permanentes Abwerten von privaten Überzeugungen, Vorlieben und Tätigkeiten des Arbeitsnehmers sowie Cybermobbing, also die Verleumdung, Belästigung, Bedrängung und Nötigung über das Internet.
  • Auf die Gesundheit oder das Eigentum fokussieren sich besonders perfide Mobbing-Täter. Sie schrecken nicht zurück vor: Anordnungen gesundheitsschädlicher Tätigkeiten ohne Schutzkleidung, Angst einflößenden Drohungen, körperlichen Gewaltanwendungen, etwa der „zufälligen“ Stolperfalle, sowie vor Diebstahl persönlicher Gegenstände oder dem Aufbrechen des Spindes und der Entwendung des Eigentums des Arbeitnehmers.
  • Die sexuelle Selbstbestimmung ist ein weiterer Punkt, den sich Mobbing-Täter für ihre destruktiven Ziele aussuchen. Es kommt zu: Anzüglichkeiten, Belästigungen, dem „Begrapschen“ sowie Zeigen und Anbringen von pornografischen Darstellungen.

Wo Mobbing überall verbreitet ist

Bestimmte Bereiche, in denen besonders häufig gemobbt wird, lassen sich nicht auflisten. Vielmehr zieht sich die Schikane durch alle Regionen, Branchen und Mitarbeiterebenen. Daher kann die Schikane überall im Arbeitsleben auftreten.

Arbeitgeber sollten sich allerdings hüten, ihrerseits das Mobbing beziehungsweise Bossing zu fördern, etwa als strategisches Mittel zum Personalabbau. Verletzen Arbeitgeber dadurch ihre Fürsorgepflichten gegenüber den Arbeitnehmern, drohen unter anderem umfangreiche Schadensersatzansprüche. Das gilt ebenso aus dem Rechtsgrund des Organisationsverschuldens, wenn Arbeitgeber nicht durch geeignete Maßnahmen sicherstellen, dass die Schikane durch die Mitarbeiter seines Betriebes unterbleibt. Um hier auf der sicheren Seite zu sein, sollten Arbeitgeber von vornherein durch eindeutige Anweisungen ein Anti-Mobbing-Klima schaffen.


Das könnte Sie auch interessieren: Diese langfristigen Strategien und Unterstützungsangebote helfen Mobbingopfern und dem Unternehmen

* Selbstverständlich können Sie den 150 Euro Gutschein sowie eBooks und Leitfäden auch unabhängig von einer Newsletter-Anmeldung anfordern. Schreiben Sie uns dazu bitte eine kurze E-Mail mit Link zu dieser Seite.

Copyright © 2019 [r]evolution. Impressum | Datenschutz